Nichts ist mehr, wie es war
Oktober 2010
Mit diesen knappen Worten bringt ein Teilnehmer eines Branchenkongresses im Sommer 2010 den Markt für Maschinen- und Anlagenbau auf den Punkt. Überraschend ist dabei weniger der Wandel an sich als vielmehr seine enorme Geschwindigkeit. Und die ist eine Herausforderung für die gesamte Industrie.

Der Wandel gehört zum Maschinen- und Anlagenbau wie die Schraube zur Mutter. Durch die Wirtschaftskrise hat dieser Wandel allerdings eine außerordentliche Beschleunigung erfahren. Zwar hat es die Krise nicht geschafft, der Industrie den Boden unter den Füßen wegzuziehen, aber sie hat kräftig an der Uhr gedreht. Einige Entwicklungen, die in einem Zeitraum von 10 bis 15 Jahren für möglich gehalten wurden, spielen sich nun innerhalb von 18 oder 20 Monaten ab. Märkte und ihre Wachstumsaussichten verschieben sich nachhaltig. Die Bedeutung von Industriesegmenten und Branchensparten sortiert sich neu. Technologien entwickeln sich in Höchstgeschwindigkeit weiter. Und schließlich verändern sich dadurch auch die Anforderungen und das Nachfrage-Verhalten der Kunden deutlich. Diese neuen Bedingungen fordern von Maschinenherstellern und Zulieferern eine hohe Anpassungsfähigkeit, Flexibilität und Geschwindigkeit.
Verschiebung der Märkte
Die Topografie der globalen Märkte hat sich dauerhaft verändert. Entwicklungen, die sich bereits vor der Krise abgezeichnet hatten, wurden beschleunigt. Das gilt zum Beispiel für die regionale Verteilung der Marktvolumina zwischen den etablierten Märkten Europa, Nordamerika und Japan und dem asiatisch-pazifischen Raum (APAC). Die Märkte in Nordamerika und Europa werden niedrigere Wachstumsraten ausweisen. Aufgrund der erwarteten Dynamik wird der asiatisch-pazifische Raum in Zukunft das absolut größte Marktpotenzial bieten. Die Chancen stehen also nicht schlecht, dass sich frühzeitige Investitionen und langjähriges, intensives Engagement in diesen Wachstumsmärkten künftig gut verzinsen werden. Rexroth zum Beispiel konnte selbst im Krisenjahr 2009 den Umsatz in China und Indien deutlich im zweistelligen Prozentbereich steigern. Insgesamt trugen Asien und Australien im vergangenen Jahr fast ein Viertel zum Geschäftsvolumen bei, vor der Krise lag dieser Anteil bei 16 Prozent. Viele Anbieter werden sich künftig noch intensiver in den asiatischen Märkten engagieren und lokale Wertschöpfung aufbauen. Für Rexroth gehört dazu unter anderem ein TechCenter in Korea sowie eine verstärkte Regionalisierung der Entwicklungskapazitäten, um Kunden und Anwendern noch mehr Know-how und Anwendungsunterstützung vor Ort zu bieten.
Bedeutungswandel bei Segmenten und Branchen
Der Wandel hat die Chancen und Potenziale innerhalb der Branchen dauerhaft verändert. So verfügt zum Beispiel der Maschinenbau mit seinen fast 40 Einzelsparten über ein großes und sehr heterogenes Spektrum mit teilweise sehr unterschiedlichen Aussichten. Die Branchen Druck oder Werkzeugmaschinen entwickeln sich anders als beispielsweise Montage und Handling oder Solar. Für alle Marktteilnehmer wird es darum gehen, sich aktiv auf diese neuen Rahmenbedingungen und Wachstumschancen einzustellen und ihre Produkte und Leistungen entsprechend anzupassen. Wer in seinem Kundenspektrum die Gewinner der Krise identifizieren kann und auf sie setzt, wird künftig selbst zu den Gewinnern gehören. Gewinner finden sich
durchaus auch in insgesamt eher langsam wachsenden Branchen: So gibt es dort wiederum Unterapplikationen oder Untersegmente, die deutlich schneller wachsen als ihre übergeordnete Sparte.
Technologien im Wandel
Die aktuellen wirtschaftlichen und ökologischen Herausforderungen sprengen auch die traditionellen Grenzen der Ingenieurtechnik. Neue Gesamtfunktionalitäten fordern eine intelligente, interdisziplinäre Verknüpfung von Technologien. Ein Beispiel ist die Elektrifizierung der Hydraulik. Bei der Kombination von Hydraulik und Elektrik beschreitet Rexroth neue Wege. Drehzahlvariable Pumpenantriebe (DvP) bieten in der Druckerzeugung ein großes Potenzial, Energiekosten zu sparen und Geräusche zu reduzieren sowie die hydraulische Verlustleistung deutlich zu senken. Mit Normmotoren und Servomotoren können 40 bis 70 Prozent Energie gegenüber konventionellen Aggregaten eingespart und die mittlere Geräuschemission um 10 bis 20 Dezibel reduziert werden. Auch gesetzliche Regelungen wie etwa Tier 4 final für mobile Arbeitsmaschinen verlangen nach radikal neuen Ansätzen. Ein Beispiel dafür ist die Diesel Hydraulic Control: Die digitalen Elektroniken der Dieselmotor- und der Hydrauliksteuerung werden hier verknüpft und senken damit den Treibstoffverbrauch bei gleicher Maschinendynamik deutlich.
Kunden fordern geringere Kosten und mehr Flexibilität
Mehr als je zuvor dreht sich bei den Kunden alles um Kosten und Liquidität, Umsatzwachstum durch neue Produkte und Märkte sowie Zukunftssicherung durch schnelle Reaktionsfähigkeit. Der Kostendruck ist in allen Industrien enorm gewachsen, Investitionen in Maschinen und Automatisierungen müssen sich noch schneller rechnen. In neue Technologien investieren die industriellen Endanwender nur dann, wenn der Return on Investment stimmt und die Produktivität steigt. Mehrausgaben, zum Beispiel für besonders energieeffiziente Lösungen, müssen sich in ein bis zwei Jahren amortisieren, statt wie bisher in fünf.
Die Auswirkungen dieses veränderten Kundenverhaltens sieht auch Bosch Rexroth deutlich, wie der Vorstandsvorsitzende Dr. Karl Tragl skizziert: „Die Kunden bestellen häufig erst dann, wenn sie ihren eigenen Endkundenauftrag haben. Das heißt für uns, dass wir schneller und flexibler werden müssen.“ In der Folge bedeutet dies auch, dass sich viele Anbieter auf stärkere Schwankungen beim Auftragseingang einstellen und schnellere Reaktionszeiten bei Kundenanfragen und der technischen Unterstützung gewährleisten müssen.
Organisation und Strategie folgen dem Markt
Immer mehr Maschinen- und Anlagenhersteller setzen auf technologieübergreifende Lösungen aus einer Hand. Mit einer neuen, noch stärker auf Märkte und Branchen fokussierten Struktur greift Bosch Rexroth diese Veränderungen auf und gestaltet aktiv den Wandel. Das Unternehmen stellt sich heute nicht mehr nach dem eigenen Technologie-Portfolio auf (Hydraulik, Elektrik, Linear- und Montagetechnik, Pneumatik), sondern nach den bedienten Marktsegmenten und Branchen. Der Drive & Control-Ansatz wird damit konsequent organisatorisch umgesetzt.
Die unterschiedlichen Anforderungen und Geschäftsmodelle der Zielmärkte werden in drei technologieübergreifenden Business Units abgebildet:
• Mobile Applications umfasst Komponenten, Module und Systemlösungen für mobile Arbeitsmaschinen rund um den Bau, die Forst- und Landwirtschaft und andere Einsatzbereiche.
• Industrial Applications spricht den stationären Maschinenund Anlagenbau an. Dieser Bereich unterliegt einem starken Technologiewandel und fragt verstärkt technologieübergreifende Lösungen nach. Daher wurden in der Business Unit Industrial Applications auch alle für diese Marktsegmente notwendigen Antriebs- und Steuerungstechnologien zusammengeführt.
• Renewable Energies bündelt Getriebe- und Antriebslösungen für die Windenergie sowie für die zukünftig immer wichtigere Meeresenergie.