Das Internet der Dinge
Juli 2011
Das Web ist bereit für die nächste Revolution: Experten erwarten bis 2020 rund 50 Milliarden per Internet miteinander vernetzte Geräte.

Das Schlagwort vom „Internet der Dinge“ fasziniert Techniker, Forscher und Visionäre. Die auch als „Ubiquitous Computing“ bezeichnete allgegenwärtige Vernetzung von realer und virtueller Welt hat bereits viele Lebensbereiche erfasst: vom intelligenten Stromzähler, der die heimische Waschmaschine startet über die sensorgesteuerte Bewässerung von landwirtschaftlichen Flächen bis zum Condition Monitoring von Maschinen und Anlagen. Neben vielfältigen technischen Herausforderungen stellt sich auch die Frage, wie diese dritte IT-Revolution auf Wirtschaft, Gesellschaft und Mensch wirken wird. drive&control befragt dazu den Wissenschaftler Prof. Dr. Elgar Fleisch, Autor des Standardwerks „Das Internet der Dinge“.
Herr Professor Fleisch, das Internet der Dinge wird auch als die dritte IT-Revolution bezeichnet. In welchen industriellen Anwendungsbereichen ist diese Revolution bereits am weitesten fortgeschritten?
Erstens dort, wo feingranulare Informationen aus der physischen Welt, die mittels Technologien aus dem Bereich Internet der Dinge nun kostengünstig gesammelt werden können, einen betriebswirtschaftlichen Wert haben. Dazu zählen die Einsatzgebiete Produktionssteuerung (zum Beispiel in der fertigenden Industrie und in der Landwirtschaft), Condition Monitoring (von Blutkonserven bis Brücken), Behälter-und Einzelteillogistik, Fälschungssicherheit oder Eintritts-und Bezahlsysteme. Und zweitens dort, wo solche Informationen das Verhalten von Menschen zum Guten beeinflussen können, wie Energie und Trinkwasser zu sparen oder die Gesundheit zu fördern.
Wo liegen aus Ihrer Wahrnehmung noch die größten technischen Herausforderungen?
Ein wesentlicher Bestandteil des Internets der Dinge sind verschwindend kleine Computer, die Teil von jedem Alltagsgegenstand werden können. Damit werden die Alltagsgegenstände zu „smarten“ Dingen. Die Kleinstcomputer müssen in der Lage sein, möglichst ohne externe Energiezufuhr Informationen zu sammeln, auszuwerten und drahtlos zu versenden. Diese Energieautonomie von „smarten“ Dingen ist eine zentrale Herausforderung. Eine zweite Nuss, die fast noch härter zu knacken ist, weil sie nicht mit rein technischen Maßnahmen zu bewältigen ist, sind die fehlenden Kommunikationsstandards der „letzten Meile“, also jene Millimeter oder Meter zwischen „smarten“ Dingen und einem Knotenpunkt des klassischen Internets, der über einen Stromanschluss und das bewährte TCP/IP-Protokoll verfügt. Ein Weltstandard für diese letzte Meile scheint ähnlich unmöglich zu sein wie eine Weltsprache Esperanto.
Das Internet der Dinge bringt vielfältige und tiefgreifende Veränderungen mit sich. Wie können sich Wirtschaft und Gesellschaft auf den anstehenden Wandel vorbereiten und die Akzeptanz-Chancen erhöhen?
Das Internet der Dinge findet in meiner Wahrnehmung mehr als Evolution denn als Revolution Einzug in unsere Wirtschaft und Gesellschaft. Es sind also keine radikalen Änderungen innerhalb kürzester Zeit zu erwarten. Aus der Vergangenheit lernen wir, dass wir zwar die Technologien des kommenden Jahrzehnts erstaunlich treffsicher prognostizieren können, deren Anwendungen aber kaum. Eine neue Technologie frühzeitig als Allheilmittel zu „hypen“ oder als Werkzeug des Teufels schwarzzumalen, hat daher noch keiner Volkswirtschaft genutzt. Und wir wissen, dass jede Technologie, vom Brotmesser bis zur Wasserkraft, zwei Seiten hat und dass der Mensch neue Technologien dann akzeptiert, wenn er den wahrgenommenen Nutzen höher einstuft als das wahrgenommene Risiko. Daher empfiehlt es sich, neue Technologien ergebnisoffen, mutig und verantwortungsbewusst Schritt für Schritt zu ergründen, um sie dann, so möglich, zum Nutzen der Gesellschaft zu gestalten und einzusetzen.
Dr. Elgar Fleisch ist Professor für Informationsmanagement an der ETH Zürich, Professor für Technologiemanagement an der Universität St. Gallen (HSG) und Direktor am dortigen Institut für Technologiemanagement.
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